Das Ideal der Weltentsagung

Auch wenn wir in einem vermeintlich stabilen sozialen und wirtschaftlichen Umfeld leben, sollten wir die Augen nicht davor verschliessen, dass es für das Leben auf diesem Planeten keine befriedigenden und verlässlichen Sicherheiten gibt, wenn wir folgende Bedrohungen in Betracht ziehen:

  • die Unterdrückung und Ausbeutung von grossen Teilen der Menschheit aus verschiedensten wirtschaftlichen. politischen oder religiösen Motiven
  • Hunger, Armut und kriegerische Auseinandersetzungen, welche grosses Leid und weltweit wachsende Flüchtlingsströme verursachen
  • das Entstehen von regionalen Epidemien, bis hin zu schnell wachsenden globalen Pandemien
  • die Verschärfung des Klimawandels als akut existierende Bedrohung für die Menschheit und die gesamte Biosphäre, mit bereits verschiedenen spürbaren Auswirkungen
Pilgerfrau vor dem Jhokhang in Lhasa

Aber auch ohne diese äusseren Bedrohungen sind wir damit konfrontiert, dass das menschliche Leben an sich fragil und vergänglich ist. Als Prinz Siddharta , der kommende Buddha, in jungen Jahren realisierte, dass alle Lebewesen von Alter, Krankheit und Tode betroffen waren, wirkte in ihm diese Erkenntnis so stark nach, dass ihn das alltägliche Leben nicht mehr befriedigte. Später sah er einen wandernden Asketen und erfuhr, dass dieser der Erlösung vom Leiden zustrebte. Da stand der Entschluss in ihm fest, das weltliche Leben aufzugeben und nicht eher zu ruhen, bis er die Befreiung vom Leiden gefunden habe.

Die Weltentsagung war in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten ein Mittel, um eine Antwort auf existentiell bedeutende Fragen zu finden und eine positive, persönliche Entwicklung zu kultivieren. Die Loslösung vom unbefriedigenden Weltleben wiederspiegelt sich auch in der Lebensweise von Pilgern und Einsiedlern. Unter den Perlen des ‘Rosary of Precious Gems’ des tibetischen Gurus Gampopa (1079-1153) befinden sich folgende Verse:

One should aquire practical knowledge of the Path by treading it, and not be as are the multitude (who profess, but do not practice, religion). By quitting one’s own country and dwelling in foreign lands one should aquire practical knowledge of non-attachment.

Zitiert nach: Evans-Wentz, W.Y. (1981, 71-72). Tibetan Yoga and Secret Doctrines. Oxford University Press

Ihren temporären oder endgültigen Entschluss der Welt zu entsagen, trafen viele gleichsam unter dem Schatten von Schmerz, Sorge und Verzweiflung. Für andere genügte bereits ein geringer Anlass. Eine buddhistische Legende erzählt, wie bereits das Verdunsten eines Tautropfens einen Prinzen (Buddha in einem seiner früheren Leben) über die Vergänglichkeit aller Phänomene nachdenken liess und den Wunsch in ihm wachrief, sich in eine Einsiedelei im Himalaya zurückzuziehen. So verschieden die Gründe im Einzelnen auch sein mochten, sie können aus buddhistischer Sicht als „Desillusionierung über die Natur der Welt“ zusammengefasst werden.

Der Versuch, das Anhaftens an Gewohnheiten, Dinge, Menschen oder weltlichen Belange aufzugeben, ist in der gewohnten alltäglichen Umgebung ein schwieriges Unternehmen. Zu sehr sind wir Teil eines Systems, mit dem wir uns identifizieren und das uns vereinnahmt. Erst der innere Abstand ermöglicht eine distanziertere Sichtweise auf das Netz der mentalen Verstrickungen und Abhängigkeiten. Gampopas Rat, den Zustand des Nicht-Anhaftens („knowledge of non-attachment“) durch das Verlassen der gewohnten Umgebung und das Leben in fremden Ländern („foreign lands“) zu erlangen, ist in diesem Licht zu sehen. Zu seiner Zeit vor rund 900 Jahren waren mit fremden Ländern auch andere Gebiete Tibets oder des Himalayas gemeint, die damals nur durch wochen- oder monatelange Reisen zu Fuss zu erreichen waren. Das Verweilen und Praktizieren an fremden, abgeschiedenen Orten ermöglichte eine Befreiung vom Anhaften und den damit verbundenen unheilsamen mentalen Zuständen. Es ging bei diesem Prozess nicht darum, eine neue Gegenwelt zu schaffen, sondern eher darum, etwas wegzulassen und einfach zu werden. Ajahn Punnadhammo sagt in seiner Lehrrede über „Uncomplicating the Mind“ (2019):

Es werden Schichten von Verwirrung und Komplexität abgelegt, um den ursprünglich natürlichen Geisteszustand zu erlangen, welcher nicht durch Komplexität belastet wird. Auch hier gibt es eine Bewegung von der Komplexität zur Einfachheit, einen Prozess der Reinigung. Ich denke, dass dies eine nützliche Erkenntnis ist. Es schliesst aus, dass es bei diesem Prozess darum geht, etwas zu erreichen, irgendwohin zu gehen oder etwas Neues zu erhalten. Es ist vielmehr eine Rückkehr nach Hause oder wie wie Maha Bua sagte: «Deine wirkliche Heimat.» In gewisser Weise ist es die Erinnerung an den Geist, wie er war, bevor Gedanken, Emotionen und Sinneseindrücke da waren.

(Aus dem Englischen übersetzt mit Genehmigung des Verfassers. Die Lehrrede „Uncomplicating the Mind“ ist unter folgendem Link veröffentlicht worden: https://dharmaseed.org/talks/58508/