Einfachheit im Geiste

Einfachheit im Geiste

Lehrrede[1] von Ajahn Punnadhammo

14.09.2019

Wenn wir über Dhamma (die buddhistische Lehre) sprechen oder nachdenken, kann es in verschiedener Hinsicht recht kompliziert werden. Es gibt den Abhidhamma[2], die Lehre von der Bedingten Entstehung[3], die verschiedenen Aspekte des Bewusstseins, das kosmologische System, nicht zu erwähnen die Mönchsregeln und endlose Diskussionen darüber. All diese intellektuellen Erzeugnisse und Ausprägungen haben am geeigneten Ort und zur richtigen Zeit ihren praktischen Wert. Es ist jedoch leicht möglich, dass dabei ausser Acht gelassen wird, dass Dhamma und die buddhistische Praxis gemäss ihrer eigentlichen Natur sehr einfach sind.

Einige Aspekte des Dhamma wie das Konzept von Anattā (Pali), des Nicht-Selbst oder der Leerheit[4], sind schwer zu verstehen, nicht wegen ihrer Komplexität, sondern gerade wegen ihrer Einfachheit. Wir neigen nämlich dazu, die Dinge kompliziert zu machen, indem wir gewohnheitsmässig versuchen, die Dinge durch komplexe Gedankengänge und Erklärungsmodelle verstehen zu können.

Ein gutes Beispiel dazu ist der ‘erkennende Geist’[5]. Viele Menschen verstehen das Wesen des reinen Erkennens nicht. Denn es handelt sich um einen Geisteszustand, der wegen seiner ihm zu Grunde liegenden Einfachheit schwierig zu verstehen ist. Wenn wir ihn durch eine Reihe von Ereignissen, einem Algorithmus oder einer Struktur erklären könnten, wäre seine Natur besser verständlich. Aber es handelt sich um das Wesen des reinen Erkennens, das nicht auf ein System oder eine Struktur reduziert werden kann. Es kann nicht durch einen Algorithmus beschrieben werden. Es ist dieses einfache Erkennen und Achtsam-Sein. Wenn wir zu diesem Geisteszustand finden und dort verweilen können, wird alles klar. Aus dieser Perspektive gibt es keine Unruhe, keinen Konflikt, es gibt nur das einfache Erkennen. Dieses ist völlig verschieden von den kognitiven Funktionen des Geistes. Es ist nicht identisch mit den Gedanken, den Emotionen oder den Gefühlsfärbungen – diese Phänomene werden durch den erkennenden Geist wahrgenommen, während der erkennende Geist jedoch nicht von ihnen beeinflusst wird.

Der erkennende Geist kann weder geläutert noch verunreinigt werden, er ist so, wie er ist, leer und frei. Er befindet sich an keinem Ort, ist kein Ding oder Wesen. Er ist erkennend, ohne dass jemand da wäre, der erkennt. Die Gedanken und die Emotionen hingegen gehören zur objektiven Sphäre des Geistes, wo alle Komplexität vorhanden ist.

Unsere Praxis sollte eine Entwicklung zu grösserer Reinheit und Einfachheit sein. Das, was wirklich einfach ist, ist auch wirklich rein. Die Komplexität ist eine Art Zersplitterung. Es ist die Zerbrochenheit des Saṃsāra (was auf Pali «Kreislauf des Werdens und Vergehens» oder «Kreislauf der Wiedergeburten» bedeutet). Der praktizierende Geist bewegt sich auf seiner Wanderung immer von der Komplexität zur Einfachheit, von einem verunreinigten zu einem reinen Zustand, der letztlich strahlend, klar und glückselig ist. Da gibt es kein Hindernis, keine Beschränkung, sondern Grenzenlosigkeit, ohne Fundament und Grundlage. Aber dieser natürliche Geist, dieser ursprüngliche Geist wird gemeinhin verschleiert durch Begierden, Ängste und alle Komplexität des menschlichen Daseins.

Deshalb beginnen wir mit der Meditationspraxis, um zu versuchen den Geist zu reinigen und einfach zu machen. Es gibt viele verschiedene Meditationsarten und einschlägige Techniken, welche auf die eine oder andere Art nützlich sind. Aber die wirklich höchste Meditation, die endgültige Meditation ist die Nicht-Meditation, das reine Sein ohne zu reagieren. Aber reines Sein ist für die Menschen äusserst schwierig. Es ist nicht etwas, das uns leichtfällt. Auf dieser Ebene des Bewusstseins, wo die Dinge sehr komplex sind, verspüren wir den Drang, uns an dieser Komplexität zu beteiligen, mit Formen und Formationen zu spielen, uns darin zu verlieren.

Wenn wir versuchen den Geist zu beruhigen, scheint es zunächst einfach zu sein, aber wir müssen erkennen, dass dem nicht so ist. Die stetige Überflutung des Geistes von Gedanken und Erinnerungen sowie von Ängsten und Begierden ist eine grosse Herausforderung. Deshalb sollten wir Schritt für Schritt vorgehen, wenn wir das Ziel von letztendlicher Reinheit und Einfachheit erarbeiten wollen. Wir können diesen an sich natürlichen Zustand nicht willentlich erreichen, wir müssen uns ihm suchend annähern. Die Praxis, auf Sinnesreize und Geisteszustände nicht zu reagieren, ist nämlich schwierig. Wir sollten deshalb Praktiken suchen und wählen, welche eine Annäherung beinhalten und erlauben sehr wenig zu tun. Eine der Säulen unserer Praxis ist die Achtsamkeit des Atems. Da wir ohnehin atmen, bleibe achtsam dabei. Es ist ein einfacher, natürlicher, sich wiederholender körperlicher Prozess, der an sich sehr friedlich und beruhigend ist. Und wenn du dabei achtsam bist, ist es eigentlich ein sehr minimalistischer Ansatz. Aber auch dabei können wir Mittel und Wege finden, es kompliziert zu machen. Es sind dicke Bücher über die Achtsamkeit des Atems geschrieben worden. Es gibt ganz verschiedene Theorien über die Ebenen der Praxis und Arten der Technik. Diese verschiedenen Ansätze können ihren Platz haben, aber in der eigentlichen Praxis sollten wir danach streben, einfach zu bleiben, ohne komplizierte Theorien und komplexe Strukturen.

Ebenso verhält es sich mit der Vipassanā (Pali) Methode; es gibt verschiedene Ansätze Vipassanā zu praktizieren. Die Burmesische Tradition war sehr produktiv in der Entwicklung von Vipassanā Techniken. Nur wenige davon wurden exportiert. Gut bekannt sind in westlichen Ländern die Mahasi Technik, die Goenka Methode und in jüngeren Jahren diejenige von Pa Auk. All diese Richtungen verfügen über eine ausführliche Literatur und komplexe Diskurse über die Praxis. Sie sind jedoch alle Mittel zum Zweck, und ich glaube, es ist irreführend Vipassanā als eine bestimmte Meditationsart zu halten – es ist mehr ein Geisteszustand. Die Meditation ist der Weg, um einen Zugang dazu zu finden.

Reines Vipassanā, reines Sehen, ermöglicht eine neue Art und Weise, wie wir mit den Objekten des Geistes umgehen. Der Geist, welcher in Vipassanā geübt ist, verpasst nichts und klammert sich an nichts. Die goldene Regel ist, dass nichts so trivial ist, dass es übergangen werden könnte, und nichts so wichtig ist, dass es bewahrt werden sollte. Es ergibt sich eine Annäherung an einen Zustand des reinen Seins, ohne etwas zu tun – einfach die Entfaltung der körperlichen und geistigen Prozesse zulassend, mit einer diesbezüglichen Achtsamkeit von Moment zu Moment und dem Versuch, die einzelnen Phänomene (dhammas) genau wahr zu nehmen, sobald sie erscheinen. Durch diese Art der Meditation ergibt sich eine geistige Entwicklung. Wenn wir letztere aus einer theoretischen Perspektive betrachten und diskutieren, erkennen wir in den sich offenbarenden Mustern und Strukturen eine Bewegung von der Komplexität zur Einfachheit.

In der Samatha Meditation, in welcher wir den Geist in Vereinigung mit einem einzelnen Objekt bringen, gelangen wir in die Jhāna (Pali). Es gibt traditionsgemäss vier Jhānas. Jedes wird unterschieden durch zunehmend weniger Merkmale oder das Aufgeben von Schichten des Geistes. Es entsteht eine Bewegung, hin zu einem einfacheren, natürlichen und ursprünglichen Geisteszustand – weniger überladen, weniger schwierig, weniger beteiligt, weniger kompliziert.

Der gewöhnliche Geist der menschlichen Existenz wird verstanden als Sinnesverlangen-Bewusstsein, was bedeutet, dass wir alle sehr verstrickt sind mit den physischen Sinnen, welche aus sehr komplexen Strukturen bestehen. Die Anzahl von Formen, die Manifestationen der verschiedenen Ansichten, Töne, Geschmäcker, Berührungen und Gerüche sind unendlich. Die Komplexität offenbart sich täglich in den verschiedensten Sinneseindrücken, welche wir erfahren. Und unsere Geistesregungen sind mit diesen Sinneseindrücken eng verknüpft.

Unsere Begierden drehen sich um das Suchen nach angenehmen Ansichten, Tönen, Geschmäckern, Berührungen, etc. Und unsere Aversionen beziehen sich auf das Ablehnen von schmerzlichen und unangenehmen Sinneseindrücken. Auch unsere Gedanken beziehen sich meistens auf Sinnesobjekte. Unsere Befürchtungen bestehen entweder aus der Furcht mit unangenehmen Objekten verbunden zu sein oder der Furcht angenehme Objekte zu verlieren. Dadurch entsteht ein sehr einnehmendes und komplexes Gewebe wie ein dorniges Dickicht. Wenn unser Geist aber in der Meditation fortschreitet, zum Zustand des ersten Jhāna, wird die Bewusstseinsebene der Gefühle transzendiert. Dann sind wir nicht mehr länger in den Gefühlen verstrickt. Aber auf dieser Bewusstseinsebene gibt es immer noch Gedankenformationen – allerdings sind es eine Art reine Gedanken, losgelöst von den Sinnen. Die Gedanken sind jedoch immer noch komplex und einnehmend. Im zweiten Jhāna fallen die Gedankenformationen ganz weg, der Geist verweilt in Freude und Glückseligkeit. Im dritten Jhāna ist nur noch Glückseligkeit vorhanden. Im vierten Jhāna fällt auch die Glückseligkeit weg, der Geist verweilt in Gleichmut und Reinheit der Achtsamkeit.

Es ist ersichtlich, dass nicht etwas erreicht wird, das nicht vorhanden ist. Es werden Schichten von Verwirrung und Komplexität abgelegt, um den ursprünglich natürlichen Geisteszustand zu erlangen, welcher nicht durch Komplexität belastet wird. Auch hier gibt es eine Bewegung von der Komplexität zur Einfachheit, einen Prozess der Reinigung. Ich denke, dass dies eine nützliche Erkenntnis ist. Es schliesst aus, dass es bei diesem Prozess darum geht etwas zu erreichen, irgendwohin zu gehen oder etwas Neues zu erhalten. Es ist vielmehr eine Rückkehr nach Hause. Wie Maha Bua sagte in diesem Zusammenhang: «Deine wirkliche Heimat.» In gewisser Weise ist es die Erinnerung an den Geist, wie er war, bevor Gedanken, Emotionen und Sinneseindrücke da waren.

Eine mythologische Geschichte in der Agañña Sutta über den Ursprung der Menschheit besagt, dass wir Abhassara Brahma Wesen waren, auf der zweiten Ebene des Bewusstseins der Formen. Dann fielen wir von diesem erhabenen Zustand herab und wurden zu menschlichen Wesen, wobei wir ein Interesse an Sinnesobjekten zeigten – insbesondere am Geschmackssinn, während wir den nährenden Schaum auf dem Urmeer kosteten.

Auf dem Vipassanā Weg bewegen wir uns ebenfalls zu einem einfachen Geisteszustand hin. Es wird dabei Samsara erschöpft oder wir entledigen uns von Saṃsāra. Die Phänomene werden wieder und wieder gesehen. Zuerst wird der Geist von Faszination und Furcht erfasst. Wir erfahren zwischen diesen beiden Polen eine wundersame Schau der Objekte, die wechselhaft anziehend und erschreckend sind. Mit ausdauernder Beobachtung beginnen wir zu erkennen, dass diese scheinbar so wunderbaren, komplexen uns vielfältigen Objekte alle nur Variationen derselben Thematik sind. Jedes entstehende Objekt – sei es alltäglich oder wunderbar und faszinierend, ist ohne Eigenständigkeit, vergänglich, bedingt entstanden und unvollkommen. Diese Merkmale sind allen Bewusstseinsobjekten eigen. Wenn wir in der Praxis reifen und bessere Kontrolle und Fertigkeit erlangen, können wir die sich dem Geist offenbarende Realität immer genauer untersuchen. Wir beginnen die Phänomene auf dieser Ebene zu sehen. Zuerst ist der Geist mehr von den verschiedenen Ausprägungen der Objekte angezogen, dann allmählich mehr von ihren Ähnlichkeiten. Wir sehen, dass diese Objekte einfach leer, vergänglich, unvollkommen und unbefriedigend sind. Sie sind lediglich Variationen derselben Thematik.

Eine gute Metapher dafür ist das Kaleidoskop. Das Kaleidoskop als Spielzeug für kleine Kinder ist ein Teleskop, durch welches man durchblicken kann. Wenn man daran dreht, sieht man all die schönen Mandala-artigen Muster. Und es gibt scheinbar eine unendliche Anzahl von Variationen. Wenn man es jedoch auseinandernimmt, sieht man, dass es nur aus ein paar Spiegeln und einer kleinen Anzahl von farbigen Glasstücken besteht, die frei beweglich sind und die Muster erzeugen. Die Realität ist genauso. Es gibt unzählige anziehende und erschreckende Formen, welche aus wenigen und einfachen Bestandteilen bestehen, den drei Merkmalen: Dukkha, dem Leiden oder der Unzulänglichkeit; Anicca, der Vergänglichkeit; und Anattā, dem Nicht-Selbst.

Der Geist beginnt dies mehr und mehr zu realisieren und erfährt eine gewisse Art von Loslösung, einen Überdruss an den Formen. Er strebt nicht mehr nach ihnen. Der Geist wird nicht mehr beherrscht von ihnen und erreicht einen Zustand, welcher «Gleichmut gegenüber allen Formationen» genannt wird. Es ist der höchste Zustand, welcher sich bemühend erreicht werden kann. Es bedeutet noch nicht das vollständige Erwachen oder die Befreiung, aber es ist der Ausgangspunkt, der Ort, von welchem es möglicherweise geschehen kann. Es ist an sich ein Zustand des friedlichen und angenehmen Verweilens. Es ergibt sich ein Zustand der ‘Nicht-Meditation’. Man verspürt keinerlei Streben oder Bemühen, aber die Meditation entfaltet sich dennoch vollkommen, keinen einzigen Moment verpassend. Saṃsāra wird zu diesem Zeitpunkt nicht mehr genährt. Der Bewusstseinsprozess beginnt sich zu erschöpfen.

Es ist wie bei einem Fahrzeug, bei welchem der Motor abgestellt wird. Wenn man nicht auf die Bremsen geht, wird es noch eine Weile weiter rollen, wird langsamer und kommt schliesslich zum Stillstand. Gleichermassen wird der Bewusstseinsprozess, welcher Milliarden von Jahren ununterbrochen ablief, im Zustand der Gleichmut und Klarheit der Achtsamkeit nicht mehr gespeist mit verlangenden oder ablehnenden Reaktionen auf die sich offenbarenden Objekte. Der Geist, ruhig und wissensklar, erlischt für einen Moment, und das ist genügend. Er ist jenseits von Werden und Vergehen und realisiert das Unbedingte. Dies ist die letztendliche Einfachheit und Reinheit. Es ist die Befreiung von den Erscheinungsformen, der Aufsplitterung, der Gebrochenheit und Verwirrung. Es ist die Verwirklichung, welche jenseits von allem ist, was auf der Ebene von Saṃsāra erlebt werden kann, jenseits von unseren Erfahrungen und Erzeugnissen. Um zum Schluss zu kommen, sei betont: Es kann tatsächlich wertvoll sein, sich für einige der komplexen Strukturen zu interessieren und sie zu studieren. Jedoch sollte man sich nicht auf sie verlassen und versuchen, es sich in der Meditationspraxis zum Prinzip zu machen: Bleibe einfach, bemühe dich und strebe nach der höchsten Reinheit und Einfachheit.


[1] Diese Lehrrede ist unter dem Titel «Uncomplicating the Mind» aufgezeichnet worden. Sie ist von mir nach Genehmigung durch Ajhan Punnadhammo ins Deutsche übersetzt worden.

[2] Der Abhidhamma ist eine Systematisierung der buddhistischen Lehre, ein frühes Kompendium buddhistischer Philosophie und Psychologie, in dem die Lehren des Buddha und seiner Hauptschüler analysiert, geordnet und systematisiert wurden.

[3] Die ‚Bedingte Entstehung‘ ist die Lehre von der Bedingtheit aller das sog. individuelle Dasein ausmachenden körperlichen und geistigen Phänomene.

[4] Pali: suññatā

[5] Pali: citta

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