Gotsang, das „Geiernest“ in Ladakh

Die Einsiedelei Gotsang (das heisst „Geiernest“) in Ladakh ist nach Gotsangpa (1189-1258) benannt, dem Begründer eines Nebenzweigs der Drukpa Kargyüpa Schule. Er wurde in Lhodrak in Südtibet geboren. Seine Familie war sehr arm, ein Grund warum seine Mutter sich von ihrem Mann trennte und einen anderen heiratete, der ein vermögender Arzt war. Der Junge blieb jedoch bei seinem Vater, der bald darauf krank wurde und starb. Allein auf sich gestellt weigerte er sich zu seiner Mutter zu gehen und schlug sich zuerst als Vorleser und später als Sänger einer Unterhaltungstruppe durch. Er war so beliebt und talentiert, dass die Leute beim Zuhören all ihre Sorgen vergassen. Mit sechzehn Jahren fühlte er zunehmend einen Überdruss hinsichtlich der weltlichen Belange und gleichzeitig eine Anziehung zur buddhistischen Lehre. Er begann Schriften zu studieren und erhielt Unterweisungen von einigen Lehrern, die aus verschiedenen Traditionen stammten. Nicht sicher, welchen Weg er wählen sollte, erhielt er im Traum von einem Wandersänger den Hinweis, dass im Ralung Kloster Tsangpa Gyare lebt, der den Schlüssel zum Glück hält, in diesem Leben und im nächsten.

Es war als ob Gotsangpa bereits von Tsangpa Gyare erwartet worden wäre. Während seiner Aufenthalte in Ralung sog er all die Lehren seines Gurus ein, von den allgemein zugänglichen bis zu den geheimen. Oft begab er sich an abgeschiedene Orte, wo er sich in einsamer Meditation übte. Als Tsangpa Gyare starb, gelobte Gotsangpa den letzten Worten seines Gurus zu folgen, welche sagten:

Give up concerns of the present life. Stay in mountain retreats.

Viele Jahre zog Gotsangpa sich zurück, ging von Einsiedelei zu Einsiedelei, ohne je ein zweites Mal an einem Ort zu verweilen. Er kam weit herum und erkundete dabei neue Wege und spirituelle Zufluchtsorte.

Gotsangpa gilt er als der Erste, der die Kora (Umrundung) des Kailash erkundet hat. Dabei kamen ihm einige besondere Begegnungen zu Hilfe, um die widrigen Klimabedingungen zu meistern und den richtigen Weg zu finden. Bei einem Unwetter erschien ihm die löwengesichtige Dakini Senge Khandroma in Form einer Yak-Kuh. Er folgte ihr in eine Höhle, die ihm Schutz bot. Als er nicht wusste, welchen der hohen Pässe er überqueren könnte, tauchte ein Rudel von 21 Wölfen auf, Emanationen von Taras 21 Formen, und wies ihm den Weg zum nordöstlichen Dölma La“ (Wöllmer, 1/2023, 21-22).

Seine Wege führten ihn bis in die indische Gangesebene zur tantrischen Pilgerstätte Jalandhara. Es ist überliefert, dass er auf dem Rückweg nach Tibet durch Lahaul kam, wo er bis heute verehrt wird. Von hier aus kam er ins nördlich benachbarte Ladakh, wo er sich in der nach ihm benannten Höhle Gotsang im Gebiet des oberen Industals aufhielt. Das entbehrungsreiche Leben, die gefahrvollen Reisen zu Fuss und das Verweilen an fremden und einsamen Orten waren mit vielen Hindernissen gesegnet. Mit der Zeit löste sich jedoch sein Widerstand gegen die auftretenden Hindernisse auf. Er lebte gleichsam frei von Ablehnung einerseits und Begehren anderseits. Wie Tsering (1979, 24) erwähnt, verwandelten sich in der Praxis alle Hindernisse in Meditationsobjekte. In diesem von Gleichmut und tiefem Frieden geprägten Zustand wurde jeder Ort zu einer himmlischen Wohnstätte.

Gebäude der Einsiedelei Gotsang in Ladakh, in welchem auch die verehrte Höhle liegt
Aussicht von den Dächern der Einsiedelei
Die verehrte Höhle mit einer Statue von Gotsangpa in der Mitte

Ein weiterer Beleg für die fruchtbare Annahme von Hindernissen und ihre wundersame Transformation in der Meditation beschreibt Gotsangpa in seinem Lied über die „Sieben Freuden“ der Praxis:

When the whole thing’s just not working, everything’s lined up against you,
Don’t try to find some way to change it all;
Here the point to make your practice is reverse the way you see it,
Don’t try to make it stop or to improve.
Adverse conditions happen, when they do its so delightful—
They make a little song of sheer delight!

(translated by: Jim Scott/Anne Buchardi, Aug. 2, 1996, Karme Chöling, Barnet, Vt.) http://www.khandro.net/practice_overcome_adversity.htm

Weiter ist bekannt, dass Gotsangpa in Osttibet für einige Zeit andere Einsiedler in ihren verstreuten Höhlen mit Tsampa (geröstetes Gerstenmehl) versorgte, bis er vom Tragen der Lasten Schwielen auf dem Rücken bekam, was ihm den Übernamen „Gelber Esel“ eintrug. Danach meditierte er für sieben Jahre in einer Höhle nahe der nepalesischen Grenze, welche Gotsang genannt wurde und ihm seinen Namen eintrug. Hier machte er das bekannte Gelübde:

Ich werde solange meditieren, bis der Name von mir, des Geiers und der Höhle eins werden.

Das deutet wohl darauf hin, dass er beabsichtigte, seinen Geist von der dualistischen Sichtweise zu lösen und eine nicht-dualistische Haltung gegenüber allen Phänomenen, seien sie innerlich oder äusserlich, zu entwickeln. Lama Thubten Yeshe erklärt diesen geistigen Veränderungsprozess folgendermassen:

If we persistently investigate the inner workings of the mind, we shall eventually be able to break through our habitual over concretized mode of perceiving the universe and let some space and light into our consciousness. In time we shall have an insight into what non-duality actually is. At that time we should simply meditate without intellect or discursive thought. With strong determination we should merely let the mind meditate single-pointedly on the vision of non-duality, beyond subject/object, good/bad, and so on. The vision of non-duality can be so vivid and powerful that we feel we can almost reach out and touch it. It is very important simply to mingle the mind with this new experience of joy and luminosity without seeking it by analysis. We must realize directly that non-duality is the universal truth of reality.

Allerdings negiert Lama Thubten Yeshe die Welt der relativen Phänomene und die konventionelle dualistische Sichtweise nicht, sagt jedoch diesbezüglich:

Relative phenomena (dharma) are like bubbles. They are the dualistic vision of the dualistic mind. Therefore, they are not truly existent or real. Absolute, true nature (dharmata) is non-dualistic. It is, therefore, real or true. Though relative phenomena and the dualistic vision do exist and function, they are not ultimately true. That is the point.

Siehe dazu: https://www.lamayeshe.com/article/non-duality

Das Praktizieren von Mahamudra (das „grosse Siegel“) bewirkt, dass sich die konventionelle, dualistische Sichtweise unseres Geistes auflöst, zugunsten einer nicht-dualistischen Sichtweise, welche jedoch nicht durch intellektuelles Begreifen, sondern nur durch rechtes Verstehen und Einsicht in die wahre Natur der Phänomene erfahren werden kann. In der Kargyüpa Schule gilt Mahamudra als die zentrale Methode auf dem Weg der Befreiung.

Im fortgeschrittenen Alter gründete Gotsangpa den Blauen Annalen zufolge verschiedene Klöster, die einigen tausend Mönchen Zuflucht boten. 1258 starb er im Kreise seiner Schüler, mit der Absicht, als Halter der Stod (der ‚Oberen‘) Kargyüpa Schule wiedergeboren zu werden. In einer der letzten Anweisungen ermahnte er seine Schüler, keine Mittel und Opfergaben zu sammeln, um Statuen oder Stätten der Verehrung zu errichten, sondern sich ganz der Meditation zu widmen.

Das Leben und Wirken von Gotsangpa wird oft mit der Lebensgeschichte von Milarepa verglichen – er wird sogar als seine Wiedergeburt angesehen. Beide liebten es ihre Lehrreden in Liedform zu verbreiten und ungebunden herumzuziehen, von Ort zu Ort, von Höhle zu Höhle, die Abdrücke ihrer Füsse im ganzen Himalaya Gebiet hinterlassend.

Crook (1997, 43-51) beschreibt, wie der Ladakhi Mönch Padma Chogyal (1877-1958), der die meiste Zeit seines Lebens in Tibet verbrachte, die Mahamudra Lehre vom berühmten Yogin Shakya Shri (1853-1919) erhielt. Padma Chogyal wurde zum Hauptschüler von Shakya Shri und bekam den Titel „Tipun“, was „Meister der Fragen“ bedeutet. Tipun verbrachte viele Jahre in Einsiedeleien und Höhlen, bevor er zu lehren begann. Dabei beschränkte er sich auf kleine Gruppen von bis zu acht Einsiedlern, um eine Ernsthaftigkeit und Disziplin in der Praxis gewährleisten zu können. Zu den Schülern von Tipun gehörte der Tibeter Apho Rinpoche (1922-1974), der nach der Machtergreifung der Chinesen in Tibet nach Indien flüchtete und sich in Manali im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh niederliess. Es war schliesslich Apho Rinpoche, welcher fast alle namhaften Einsiedler in Ladakh ausbildete und in ihrer Praxis begleitete. Auch die sieben Eremiten in Gotsang waren seine Schüler.

Fotos: Shakya Shri (links), Tipun Padma Chogyal (in der Mitte), Apho Rinpoche (rechts)

Im tibetischen Buddhismus ist das Entsagungsideal der Eremiten bewundernswert stark ausgeprägt. Der direkte Weg, der Versuch die Befreiung in einem einzigen Leben zu realisieren, verlangt eine entsprechende Lebensweise, die dem weltlichen Leben entgegengesetzt ist. In der Haus- und Heimatlosigkeit gehen die Einsiedler diesen entbehrungsreichen, aber ebenso befreienden Weg stellvertretend auch für jene, die im weltlichen Leben noch verhaftet sind.

Nur wenige beschreiten jedoch den direkten Weg, und für einen Guru ist es oft nicht leicht, einen geeigneten Schüler für die mündlich zu übertragenden Lehren zu finden. Bevor Milarepa im Alter seinen geistigen Sohn fand, sah er im Traum Gampopa mit einer Kristallvase zu ihm kommen, damit er sie mit dem Nektar seiner eigenen silbernen Vase füllen konnte. Das Erbe von Milarepa und seinen Nachfolgern hat sich verbreitet und lebt bis heute fort – die Einsiedelei Gotsang zeigt, wie bereits ein Tropfen aus dem Nektar der ursprünglichen und alles durchdringenden Weisheit genügt, um zur Quelle der Inspiration von einigen Suchenden und in einem weiteren Umkreis zu einem Ort der Verehrung zu werden.

Der Grubpa (Einsiedler), welcher für Versorgung und Unterhalt zuständig ist, beim Rezitieren der Schriften

Auch in der freundlichen Atmosphäre der Einsiedelei Gotsang blieben während meinen Besuchen im Winter 1983/84 und im Sommer 1984 einige Fragen unbeantwortet. Dies lag nicht nur an der Zurückgezogenheit der Einsiedler, die es nicht zu stören galt, sondern auch an meiner mangelnden spirituellen Praxis. Ich musste mir zunehmend eingestehen, dass deshalb mein Verständnis hinsichtlich der meditativen Erfahrungen der Einsiedler an der Oberfläche bleiben musste. Die Realisierung, dass intellektuelles Wissen einerseits und geistige Einsichten und Entwicklungen anderseits weit voneinander entfernt sind, führte immerhin dazu, mich in den kommenden Jahrzehnten vertieft in der Meditationspraxis zu üben.

Literatur

Crook, J. (1997, 43-51). The Meditation Notebook of Tipun Padma Chogyal. In: Recent Research on Ladakh 6. Osmaston, H. and Tsering, N. (eds.). University of Bristol.

Martin, D. (August 2008). Gotsangpa Gonpo Dorje – The Treasury of Lives: A Biographical Encyclopedia of Tibet, Inner Asia and the Himalayan Region. https://treasuryoflives.org/biographies/view/Gotsangpa/TBRC_P2090

Eppler, P. (1985). Die Einsiedelei Gotsang. In: Recent Research on Ladakh No. 2. Acta Biologica Montana.

Roerich, G. (1996, 2nd ed.).The Blue Annals. Motilal Banarsidas.

Scott, J. and Buchardi, A. (Aug. 2, 1996). Seven Delights:  A Song About Taking Difficult Circumstances to the Path. Chöling, Barnet, Vermont. http://www.khandro.net/practice_overcome_adversity.htm

Tsering, N. (1979, 24). Buddhism in Ladakh. Sterling Publishers.

(Lama) Thubten, Y. (1979). Non-Duality. Edited by Kolb, C. First published in Wisdom Energy 2, Publications for Wisdom Culture. https://www.lamayeshe.com/article/non-duality

Wöllmer, W. (1/2023, 21-22). Tibets Kailash. Der heiligste Berg der Welt. In: Buddhismus Aktuell.

John Crook. (1997, 43-51). The Meditation Notebook of Tipun Padma Chogyal. In: Recent Research on Ladakh 6. Osmaston, H. and Tsering, N. (eds.). University of Bristol.

Webpage: Shakya Shri Tradition in the European Union. https://shakyashrieu.wordpress.com/shakya-shris-tradition/