Rewalsar: Der Lotus See und die geheimen Höhlen

Die vergoldete Statue Padmasambhavas thront in einer Nische der Haupthöhle

Padmasambhava und die Prinzessin Mandarava

Als einstmals der mit Zauberkräften begabte Tantriker Padmasambhava, der «Lotusgeborene», über die Berge des Königreiches Zahor flog, sah er vor seinem inneren Auge die junge Prinzessin Mandarava, in einer geheimen Höhle in Meditation verweilend. Angezogen von der Anwesenheit der entsagenden Prinzessin, suchte er sie in der Einsamkeit ihrer Höhle auf. Ihrerseits war sie sogleich von seiner Erscheinung und Weisheit zutiefst beeindruckt. Und es ergab sich, dass der tantrische Meister sie zu seiner spirituellen Gefährtin nahm.

Mandarava in ihrer Höhle, dem Ort, an welchem sie Padmasambhava zum ersten Mal begegnete. (Februar 2024)

Unter den Einwohnern Zahors (das heutige Mandi), welchen die in ihren Augen unziemliche Verbindung nicht lange verborgen blieb, kursierten bald allerhand Gerüchte, welche auch dem König zu Ohren kamen. In seinem Stolz verletzt und wutentbrannt bemächtigte er sich der beiden. Mandarava verbannte er in ein tiefes Verliess.  Für Padmasambhava befahl er einen grossen Scheiterhaufen aufzuschichten. Darauf sollte der aus fremden Landen kommende Meister, der es gewagt hatte, die Ehre des Königshauses zu verletzen, und dessen Lehre überdies als ketzerisch galt, bei lebendigem Leib verbrannt werden. Die Flammen des Scheiterhaufens loderten weitherum sichtbar auf. Selbst nach neun Tagen brannte das Feuer weiter. Erst als sich der dichte Rauch allmählich verzog, offenbarte sich, welch wundersame Transformation sich vollzogen hatte. Auf der Mitte eines runden Sees thronte Padmasambhava, seinem Namen alle Ehre bereitend, auf einer sich öffnenden Lotusblüte, Mandarava in seinen Armen haltend. Der herbeigerufene König, der Hofstaat und alle Anwesenden waren von der Erhabenheit der unerwarteten Erscheinung geblendet und verneigten sich in Ehrerbietung. Und was noch wichtiger war, der König propagierte fortan den Buddhismus in seinem Reich als Staatsreligion.

Der See von Rewalsar, bei den Tibetern als Tso Pema (Lotus See) verehrt. Er wird von den Pilgern im Uhrzeigersinn umrundet. Auf der Kora (Rundgang) ist auch immer das nicht versiegende Murmeln des Mantras «Om Mani Padme Hum» zu hören. (März 2024)

Der runde See kann heute noch in Rewalsar, im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh, besucht werden. Er gilt als einer der wichtigsten Pilgerorte der Anhänger des Vajrayana Buddhismus ausserhalb Tibets. Oberhalb des kleinen Städtchens wacht eine kolossale Statue des Padmasambhava über das Wohl der Einwohner und Pilger. Sie wurde am 1. April 2012 vom Dalai-Lama eingeweiht. Wie die seit manchen Jahren in Rewalsar lebende kalifornische Lama Lena berichtet, hat es mit den prunkvollen Gewändern Padmasambhavas folgende Bewandtnis: Sie wurden ihm damals vom reuigen König von Zahor geschenkt, nachdem er den «Lotusgeborenen» unversehrt, aber ohne Kleider auf der Lotusblüte erblickt hatte. Bei der Statue, wie auch auf den meisten Abbildungen überhaupt, ist er deshalb in diesen prachtvollen Kleidern zu sehen.

Die 37.5 Meter hohe Statue des Padmasambhava, in deren Inneren sich auf zwei Ebenen die für Pilger zugänglichen Tempel befinden. (März 2024)

Der tantrische Meister hat in der Verbreitung des Vajrayana Buddhismus in Tibet eine entscheidende Rolle gespielt:

Padmasambhava, also known as Guru Rinpoche, was an Indian tantric master who played a major role in bringing Vajrayana Buddhism to Tibet in the eighth century. The subject of many myths and legends, little is known about him historically. During the reign of King Trisong Detsen, Padmasambhava helped establish the country’s first Buddhist monastery in Samye and he is considered the founder of the Nyingma (“ancient”) school, the oldest of the four major traditions of Tibetan Buddhism.

(Zitiert aus: https://www.lionsroar.com/who-is-padmasambhava/)

Die eingangs erwähnte Höhle von Mandarava liegt in einer Bergflanke verborgen, etwa zehn Kilometer oberhalb von Rewalsar. Hier befindet sich auch die Höhle von Padmasambhava und weitere Höhlen. Vor allem diejenige von Padmasambhava ist ein Anziehungspunkt für viele Pilger, welche aus den umliegenden Tälern und selbst aus dem Ausland herbeiströmen. Der verehrte Ort lässt sich von Rewalsar aus per Taxi, Bus oder in etwa eineinhalb Stunden zu Fuss erreichen. In den frühen Morgenstunden sind die Höhlen noch nicht von Besuchern überfüllt. Die weihevolle Atmosphäre der Höhle des Lotus-Geborenen wird meist von monotonen Gebeten der Mönche durchdrungen, wie das folgende Video zeigt.

Puja von Mönchen der Drikung Kagyu Traditation am frühen Morgen in der Höhle von Padmasambhava. (März 2024)

Aus dem Leben und Wirken des dritten Ontul Rinpoche

Dieses Kapitel ist Ontul Rinpoche (1950-2022) gewidmet, dessen Leben von schweren Schicksalsschlägen und wundersamen Fügungen geprägt war. Wenn wir das Fenster zur Vergangenheit aufstossen, blicken wir in eine andere Welt und sehen eine Geschichte, welche exemplarisch für einen hohen Würdenträger und verehrten Tulku (Reinkarnation eines hohen Lamas) des Tibetischen Buddhismus ist. Wie bei vielen Tibetern wurde seine kulturelle und religiöse Identität durch den Einmarsch der maoistischen Volksbefreiungsarmee und die aufgezwungene kommunistische Ideologie erschüttert und bedroht. Ontul Rinpoche und eine Gefolgschaft von Lamas und Laien konnten sich dem politischen Druck und der Verfolgung nur durch eine gewagte Flucht entziehen und verliessen 1959 das Kloster und ihre Siedlung in der Region Kham in Osttibet. Der Rinpoche berichtet:

We encountered army forces and were chased from behind, ambushed from the front, rounded up from all sides, and hailed with bullets. We were overcome with deep fear of losing our lives and had no other way than to pray to the Three Precious Jewels. Those who were armed led counterattacks in whatever ways possible. We initially fled on horses but were eventually compelled to walk. We were experiencing the shortage of food. … we finally reached Mustang region on the Tibet-Nepal border in 1960. We escaped from the fear of losing our lives to our enemy (2023, 22).

Die Flucht führte durch unwegsames, gefährliches Gelände und dauerte mehrere Monate. Als der schmale, von Furcht, Entbehrungen und Verlust überschatte Pfad in die Freiheit zu Ende war und die reduzierte Gruppe sich endlich in Sicherheit wägen konnte, war Ontul Rinpoche erst zehn Jahre alt und stand vor einer unsicheren Zukunft in einer fremden Welt.

Im indischen Exil begann eine lange Zeit der spirituellen Ausbildung. Ontul Rinpoche erhielt Unterweisungen und Einweihungen von verschiedensten namhaften Lehrern, unter anderem vom Dalai-Lama, von Sakya Trinzin, Dilgo Khenze Rinpoche, Kalu Rinpoche und wichtigen Lehrern der Drikung Kagyu Tradition, zu welcher auch der junge Tulku gehörte. All diese hochgestellten Repräsentanten verschiedener Traditionen waren selber aus Tibet geflüchtet und versuchten, sich im Exil neue zu formieren und ihr spirituelles Erbe weiter zu geben. Ohne eigenes Kloster und regelmässige Unterstützung brauchte es manche Jahre, bis sich wieder ein geregeltes Leben eingestellt hatte.

Während einem Aufenthalt in Ladakh im Jahre 1971 erhielt Ontul Rinpoche genügend Spenden, um anschliessend im Pilgerort Rewalsar in Himachal Pradesh eine Stück Land zu kaufen, auf welchem er ein eigenes Kloster gründen konnte. Dank weiterer Zuwendungen konnten die Versammlungshalle, Wohngebäude, die Küche und ein Retreatzentrum errichtet werden. Damit konnte der Rinpoche das Kloster Wogmin Thupten Shedrub Ling, welches er in Tibet verlassen musste, in Indien wieder neu etablieren. Es wurde zum Ort einer regen Lehr- und Ausbildungstätigkeit.

Die Versammlungshalle ist anlässlich der Gedenktage zum Parinirvana von Jetsun Milarepa (23. Februar 2024) und zum Parinirvana von Lotsawa Marpa (Vollmondtag, 24. Februar 2024) festlich beleuchtet. Das grosse Photo über dem Eingangsportal zeigt Ontul Rinpoche.

1976, im Alter von sechsundzwanzig Jahren, verband sich Ontul Rinpoche mit der spirituellen Gefährtin Tashi Dolma, was bereits in prophetischen Ankündigungen vorausgesagt worden war. Sie hatten zusammen eine Tochter und zwei Söhne. Der erste Sohn wurde als Tulku entdeckt, bekannt unter dem Namen Karma Ratna Rinpoche. Dieser begleitet nach seiner Ausbildung seinen Vater in die USA, Kanada und Europa, um die Gemeinschaften der westlichen Schüler zu besuchen. Dank seiner Englischkenntnisse war er der Übersetzer seines Vaters und half mit, die Lehren seines Vaters zu verbreiten. Zwischen 1983 und 2019 unternahm Ontul Rinpoche drei ausgedehnte Reisen nach Tibet, welche ihn auch zu seinem Stammkloster in Kham in Osttibet führte. Dank seiner Unterstützung konnte es baulich rehabilitiert und das Klosterleben gefördert werden.

Nach einem von Schicksalsschlägen, aber auch von einem unermüdlichen Einsatz für die Lehre geprägten Leben, verstarb Ontul Rinpoche am 20. November 2022 im Kloster der Drikung Kagyu Tradition in Indien. Als ich im Februar/März 2024 für drei Wochen im Retreatzentrum des Klosters in Rewalsar verbrachte, war das Leben der Klostergemeinschaft immer noch zu geprägt vom Geist des Rinpoche. Die Versammlungshalle, in welcher seine Reliquien in einer vergoldeten Stupa aufbewahrt werden, wird zu allen Tageszeiten von Gläubigen umrundet – die in der Mauer eingelassenen Gebetsmühlen bleiben meistens in Bewegung und kommen erst nachts zur Ruhe. Bereits frühmorgens, wenn die Versammlungshalle noch geschlossen ist, gibt es regelmässig eine Gruppe von Gläubigen, welche mit Prostrationen (Niederwerfungen) vor dem Eingang ihre religiösen Verdienste mehren. Im Inneren der Halle treffen sich täglich einige Mönche und rund dreissig Knaben, welche hier zu Mönchen ausgebildet werden, für religiöse Rituale und Gebete.

Für den alltäglichen Klosterberieb ist Tashi Dolma, die Frau des verstorbenen Rinpoche, immer noch unentbehrlich. Es ist, als sähe sie überall zum Rechten, ob es nun das Einschalten des Lichtes zu Beginn der Nacht, die Reinigung eines Zimmers, das Giessen der Pflanzen oder das Wohlergehen der Gäste ist – sie ist überall präsent, freundlich, ihre Gebetsmühle drehend und ein Gebet auf den Lippen. Heute ist das Kloster unter der Leitung ihres Sohnes Karma Ratna Rinpoche, was ihrer Aufgabe im Kloster umso mehr eine Bedeutung gibt.

(Die Schilderungen in diesem Kapitel basieren auf Informationen aus der vom Kloster veröffentlichten Kurzbiographie und Erzählungen von Tashi Dolma sowie einiger langjähriger Bewohner des Drikung Kagyu Klosters in Rewalsar, vor allem Lama Legden und Konchock Gyaltsan).


Literatur

Translated by Chonam, Lama and Khandro, S. (1998). The Lives and Liberation of Princess Mandarava. The Indian Consort of Padmasambhava. Wisdom Publications. Klicke hier, um auf das pdf Dokument zuzugreifen: https://wisdomcompassion.org/wp-content/uploads/2019/10/The-Lives-and-Liberation-of-Princess-Mandarava.pdf

Wogmin Thubten Shedrub Ling. (2023). A Brief Biography of His Eminence the Third Lho Öntrul, Konchok Tenzin Trinlé Rabgye. Imperial Printing Press (Dharamsala).

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